Texte

Über U10

Der U-Bahn-Geräusch-Chor wurde 2010 im Rahmen von U10 – von hier aus ins Imaginäre und wieder zurück realisiert. U10 – von hier aus ins Imaginäre und wieder zurück präsentiert das Berliner U-Bahnnetz als eine unterirdische Parallelwelt. Alltäglich und doch voller Geheimnisse fungiert der Untergrund sowohl als Spiegel der Berliner Geschichte wie auch als Seismograph aktueller Verschiebungen im Gefüge der Stadt. Der Name U10 verweist auf die historische U-Bahnlinie U10, die seit den 1930er Jahren geplant wurde und heute nur noch in Fragmenten als nicht genutzte Rohbaubahnhöfe, Bahnsteige und “Blinde Tunnel“ existiert. Die weithin unbekannte Existenz – und zugleich Nicht-Existenz – der Linie U10 bietet Anknüpfungspunkte für künstlerische Interventionen sowohl hinsichtlich ihrer phantastischen als auch ihrer historischen Qualität – als mystischer Ort und als Relikt der geteilten Stadt Berlin.

U10 – von hier aus ins Imaginäre und wieder zurück ist ein Projekt der NGBK, initiiert von Sofia Bempeza, Ania Corcilius, Jacopo Gallico, Eva Hertzsch und Adam Page. U10 wird aus Mitteln des Regierenden Bürgermeisters von Berlin – Senatskanzlei – Kulturelle Angelegenheiten, Kunst im Stadtraum und am Bau gefördert und unterstützt von der BVG, dem Berliner Fenster und der Wall AG.

 

Grit Ruhland über den U-Bahn-Geräusch-Chor

Der U-Bahn-Geräusch-Chor fand sich auf Einladung der Künstlerin Grit Ruhland an sieben Samstagen von August bis Oktober 2010 zusammen, um den Klangraum „U-Bahn-Station“ mit seinen vielseitigen Geräuschen zu erforschen – nicht mittels Pegelmessung und Apparaten, sondern unmittelbar und in situ durch Ohr und Stimme.

Ulrike Sowodniok, Klangkünstlerin, Musikerin und Stimmpädagogin, hat die Gruppe auf ihrer Reise praktisch und konzeptionell begleitet, geleitet und unterstützt. Die Choristinnen und Choristen kamen mit den unterschiedlichsten Lebens- und beruflichen Hintergründen, Vorstellungen und Interessen. Gemeinsam hat diese Gruppe eine Basis geschaffen, auf der sie einen Tag lang am 30.10.2010 fünf verschiedene U-Bahnhöfe Berlins „bespielt“ hat – das Hörbare zum Hörenswerten erklärte und in bestehende urbane Klanglandschaften intervenierte. Der U-Bahn-Geräusch-Chor hielt sich an jeder Station ca. 20 Minuten lang auf und machte für diese Zeit den jeweiligen Ort zum Forschungsgegenstand für seine Improvisationen. Seit einigen Jahren taucht der Begriff „Klangkunst“ regelmäßig in verschiedenen Zusammenhängen auf. Und nein, es ist nicht ausschließlich Musik damit gemeint. Auch keine sogenannte „Neue Musik“. Es ist eine interdisziplinäre Kunstform, die sich bisher keiner Kunstgattung unterworfen hat. Die sich mit Aspekten der Klangökologie, Raumakustik, Biorhythmik, Elektroakustik, Architektur, Anthropologie, Bildender Kunst und Musik beschäftigt. Es gibt also mehrere Schnittstellen und Gründe, sich dieser Auseinandersetzung zu widmen. Denn neben quasi objektiven Fragestellungen, wie biologischen und physikalischen Gegebenheiten, stellen sich auch sehr schnell subjektive, künstlerisch-ästhetische Fragen, die auch musikalische Untersuchungen wie Rhythmik und Tonalität einbeziehen, vor allem aber Fragen nach ästhetischer Beschaffenheit unserer Umwelt stellen – einem urkünstlerischen Problem: Wie erscheint uns die Welt?

Gemeinplätze helfen in einer komplexen Welt oft nicht wirklich weit. So ist nicht jedes laute Geräusch unangenehm und nicht jedes harmonische „schön“. Physikalisch gesehen ist zum Beispiel das „Rauschen“ der Brandung relativ ähnlich zu dem des Strassenverkehrs – und wird doch sehr unterschiedlich bewertet. Man könnte nun versuchen etliche Regeln aufzustellen, was Wohlklang sein könnte und würde dabei vermutlich auf eine ganze Reihe von Stereotypen stoßen. Damit wäre man mitten im allgemeinen ästhetischen Problem der Bildenden Künste bzw. aller Künste angekommen: „Was ist schön?“ Und da ahnt man spätestens dann: so einfach ist es nicht, schon wenn man in die (Kunst-)Geschichte schaut, sieht man, dass verbindliche Regeln für Schönheit aufzustellen, scheitern muss. So galten den Lärmschutz-Bürgerbewegungen des frühen 20. Jahrhunderts besonders Geräusche, die von Tieren und Menschen verursacht wurden als pathologisch. Überhaupt ist mit der Entwicklung der westlichen Gesellschaft zum Industriezeitalter das Auftreten eines neuen „Lärms“ verbunden. Genau nachweisen lässt es sich nicht, aber man mutmaßt, dass der Donner bis zur Erfindung moderner Maschinen das lauteste Geräusch überhaupt war. Wir leben also seit über 100 Jahren in einer technologie- und architekturgeprägten Klangumwelt – meist in einer Stadtlandschaft. Irgendwo surrt immer ein Lüfter, brummt ein Verkehrsmittel piept ein Signal. Künstliche Geräuschkulissen aus elektronischen Geräten und schalldichte Fenster in abgeschirmten Räumen reichen als Umgang mit dieser Situation aus meiner Sicht nicht. Ist es nicht auch manchmal ein virtuoses Summen, ein imposantes Donnern oder ein vertrautes Pfeifen? Kann das Geräusch eines einfahrenden Zuges nicht Musik sein? Facettenreich und brachial. Kann man mit der U-Bahn singen? Die künstlerische Auseinandersetzung mit der U-Bahn erschien mir deshalb spannend, weil sie die sozialen Aspekte (Begegnung und Ausgrenzung) im (quasi) öffentlichen Raum ebenso einbezieht, wie architektonische (Raumakustik, Wegeleitung) und technisch-physikalische (U-Bahn-Baureihen, Geräte, verschiedene Klänge). Als modernes Transportmittel ist sie Teil der Lebenswelt vieler Menschen – spiegeln sich in ihr gesellschaftliche Prozesse. Der Name „U-Bahn-Geräusch-Chor“ ist die sichtbarste, kürzeste Form eines Entwurfs – ein Name, ein Wort, das zugleich Beschreibung ist. Eine Verbindung von begrifflichen Modellen, die nicht zusammengehören, wenn man sie durch die oberflächliche, wertende Schablonierung betrachtet: Chor=klassische, konventionelle Harmonie, U-Bahn=düstere Technik, Geräusch=störendes Chaos. (Das auch Bewertung durchaus ihre berechtigen Gründe hat, sei hier nicht bestritten). Die Kombination dieser Horizonte dürfte nach den Regeln der Logik erst einmal unpassend und unsinnig wirken. Wobei letztere Begriffe („U-Bahn“ und „Geräusch“) zwar nicht unpassend zueinander, allerdings auch nicht unbedingt naheliegend sind. Es bedeutet, dass bereits im Namen des Projektes ein unkonventioneller Handlungsansatz in drei Komponenten festgeschrieben war. Der U-Bahn-Geräusch-Chor startete als kollektives Experiment mit sozialen, auditiven und performativen Inhalten, ausgehend von dem Entwurf, den der Name machen würde und welcher von den Personen, die sich daran beteiligen würden, ausgefüllt werden würde. Immerhin war dieses Konzept überzeugend für die Arbeitsgruppe U10, die sich für dieses Experiment ebenso zu interessieren schienen.

Es brauchte nach meiner Vorstellung mit den Rahmenbedingungen des Projektes „U10 – von hier ausin Imaginäre und wieder zurück“ eine Anzahl von mindestens zehn maximal vierzig Menschen inklusive einer Stimmpädagogin oder eines -pädagogen, die sich der ungewöhnlichen Verbindung zu stellen wollten und in einer Zeit von etwa drei Monaten herausfinden, ob es etwas Singenswertes in der U-Bahn geben könnte, ob eine geräusch-basierte Improvisation interessant sei und ob man es schaffen könnte, in einer relativ frisch gebildeten Gruppe sich auf stimmliche Reaktionen zu einigen, zusammen künstlerisch, performativ zu intervenieren – auch wenn etliche Personen keine oder wenig Erfahrungen in diesem Bereich haben würden. Es sollte ja gerade kein Profiensemble zusammengestellt werden – jede und jeder sollte sich beteiligen können – in einer offene Gruppe. Es fand sich in den sieben gemeinsamen Samstag-Terminen eine sehr heterogene Gruppe zusammen. Jede und jeder kam aus ureigenem Interesse und war offen und interessiert sich auf das Experiment einzulassen. Wir machten Stimmübungen, Hörspaziergänge und diskutierten über Geräusche, das Leben und unser Finale. Ich war trotz schon positiver Grundstimmung erstaunt, wie viele unterschiedliche Kompetenzen zusammen kamen und ihren künstlerischen Input leisteten.

In Ulrike Sowodniok habe ich eine hervorragende Mitgestalterin des Projektes gefunden. Sie hatte die Schlüsselposition inne, die Gruppe der Choristinnen und Choristen von der sehr konzeptuellen Vorstellung zur konkreten Umsetzung zu begleiten. Mit viel Erfahrung, aufmerksamer Beobachtung und künstlerischem Gespür hat sie praktische Erfahrungen für die gesamte Gruppe organisiert. Ebenso gut und wichtig war die Zusammenarbeit mit den beiden Kuratorinnen der Arbeitsgruppe Eva Hertzsch und Ania Corcilius, die sich mit großer Intensität für das Projekt eingesetzt haben – gerade durch Beratung in Sachen Gruppenbildung und Konzeptausführung, aber auch als Teilnehmende sowie konkret organisatorisch, wie in der Koordination mit der BVG waren sie unerlässlich. Stille Beobachterin und zeichnerische Dokumentarin des Projektes war Antje Stutz. Professionelle Tonaufnahmen machte Martin Backes, Videoaufnahmen Jacopo Galico. Candy Hartmann vom Quartiersmanagement am Mehringplatz vermittelte uns den essentiellen Proberaum, gesponsert von der GeWoBaG in der Friedrichstrasse! Ich danke allen (auch denen, die hier nicht namentlich erwähnt werden) für ihre Unterstützung, Beratung, Auseinandersetzung, Vermittlung von Kontakten – vor allem aber der gesamten AG U10 für ihr großes Engagement und der NGBK für die Ermöglichung dieses Projektes!

Ulrike Sowodniok, Stimmklang im Kontext

„Stimmklang im Kontext“ ist eines meiner zentralen Forschungsfelder, in dem sich auch die Arbeit mit dem U-Bahn-Geräusch-Chor bewegt. Der Stimmklang ist klangliches Abbild von Körper, Geist und Umgebung – er dient so als Fühler menschlicher Gestimmtheit im öffentlichen Raum. Bei der Arbeit mit dem U-Bahn-Geräusch-Chor begegnete ich Menschen, die sehr bereit waren, sich dem spannungsreichen Erfahrungsraum aus Urbanität, Körper, Stimme, Geräusch und Musik hinzugeben. Das Konzept von Grit Ruhland hatte im besten Sinne eine Offenheit für prozessorientiertes Arbeiten, die es mir erlaubte meine Methodik in ihrer ganzen Bandbreite einzusetzen. Die meisten Menschen, die sich zum ersten Hörspaziergang und zu den offenen Proben des U-Bahn-Geräusch-Chores einfanden, standen sowohl im Bereich der stimmlichen Performance als auch in der Wahrnehmung von Stadtklang sowie der ästhetischen Auseinandersetzung mit Musik und Geräusch ganz am Anfang. So galt es in allen Feldern gleichzeitig grundlegende Impulse zu setzen. Der entscheidende Trainingsschritt hierfür war das kinästhetische Hören – ein Hören mit dem gesamten Körper als beweglichem Schwingungsapparat. Silja Korn – eine blinde Teilnehmerin – beschrieb lebendig, wie sie das Einfahren der U-Bahn als ein Durch-den-Körper-Vibrieren erlebt und wie der Bahnsteig für sie verschwindet, wenn sich die Klangwellen von zwei gleichzeitig einfahrenden Bahnen überschlagen. Für viele Teilnehmer waren es die ersten Schritte heraus aus dem Weghören gegenüber der Stadtklangumgebung hin zu einem nicht gerichteten ganzkörperlichen Auf-sich-Wirken-lassen der Klangvielfalt des des Berliner Untergrunds. Beim Finale hatten sich die Teilnehmenden in der prozessorientierten Arbeit mit einer kurzen Folge von fünf Gruppenimprovisationsprinzipien eine räumliche Präsenz erworben, die es ihnen erlaubte, frei mit der Stimme den Geräuschen der Umgebung zu folgen. Niemals ging es um ein Übertönen der maskierenden Klangumgebung oder um ein Präsentieren von Klängen durch eine imaginäre vierte Wand mit frontal-theatralischem Publikumsbezug. Im Gegenteil die räumlich-stimmliche Präsenz der Teilnehmenden lässt die Situation zur Szene werden – alles und alle sind einbezogen.

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Eine Antwort zu Texte

  1. Susanne schreibt:

    Wie toll!! Wow, ich bin total begeistert von dem Text, bzw. dem Projekt.

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